Monologue Performance „Temporäres Zuhause


Als ich ein Kind war und denselben Fehler zum zweiten oder dritten Mal hintereinander machte, riefen meine Eltern mich zu sich, tippten mit dem Finger auf meine Stirn und fragten:

„Hast du kein Gedächtnis?!“

Und wenn ich einen Text im Sprachunterricht mehrmals gelesen hatte und ihn trotzdem nicht auswendig vortragen konnte, ließ mich die Lehrerin im Unterricht aufstehen und fragte mich vor allen anderen:

„Hast du kein Gedächtnis?!“

Das Gedächtnis ist der Boden, auf dem das Erinnern wächst und sich entfaltet.

Ich habe als Mensch einfach kein eigenes Gedächtnis. Meine persönlichen Erinnerungen wurden geplant, ersetzt und ausgelöscht. Ich merke mir immer nur das, was man mir befiehlt zu behalten, und vergesse, was man mir zu vergessen aufträgt; ich schweige, wenn man Schweigen erwartet, und singe, wenn man Singen verlangt.

Ein Mensch ohne Erinnerung ist wie Erde auf den Feldern und Wegen

Ich bin keine Erde – ich fühle den Schmerz.

Ein Schmerz, der erinnerbar ist ……

12.11.2025 bei BB Stiftung Stuttgart

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35 Grad im Juni, Deutschland

Alles glänzt – so viel UV in der Luft.

Wie kleine, flache, eckige Klebezettel

auf meinem runden Gesicht,

die alles verdecken.

Ist das jetzt bitter oder süß? Scharf? Sauer?

Vielleicht ist es Zeit, etwas zu wählen.

Ich möchte nicht, dass man meine scharfen Augen sieht.

Bin wohl schon zu weit gegangen. Keine Verbindung mehr.

Aber… wenn du hinschaust, ganz genau –

dann siehst du vielleicht, wie sich mein Gesicht im Dunkeln leise verändert.

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Ich kenne einen Ort, an dem kein Mensch ist.

Ich kenne einen Ort, an dem ein Fluss fließt, der schließlich nach Norden zieht.

Ich kenne den Norden – und alle seine Sommer, so kurz sie auch sind.

Ich kenne eine Brücke, die zerbrochen ist.

Am jenseitigen Ufer wuchert das Gras bis zur Hüfte, weiße Schmetterlinge wirbeln wie Nebel.

Doch ich weiß, wo sich die einzige seichte Furt verbirgt.

Ich weiß auch von dem schwarzen großen Fisch,

der mitten im Strom still wartet, wenn man hinüberwaten will.

Ich kenne eine Straße, die sich am Ende gabelt.

Ich kenne die Fußspuren an der Kreuzung – dreimal links gezögert,

dreimal rechts gezögert.

Ich kenne einen Baum, in den ein Satz eingeritzt wurde.

Ich fürchte nur, der Baum wächst immer höher und trägt den Satz immer weiter hinauf,

sodass, wenn eines Tages jemand kommt, er sich auf die Zehenspitzen stellt und ihn doch nicht lesen kann.

Ich kenne eine kleine Wiese, einen winzigen Schatten,

der die schüchternste Blume der Welt verbirgt.

Diese Blume ist nicht schön, fürchtet keine Einsamkeit und will ihren Kopf nicht heben.

Ich kenne einen blauen Käfer.

Als er kam, war er dort; als er ging, war er noch immer dort.

Im Frühling war er dort, im Herbst war er noch immer dort.

Ich kenne den Himmel. Der Himmel ist ein Abgrund in der Höhe.

Wie gern würde ich auf einen Schlag hineinfallen!

Ich kenne die Ferne. Die Ferne ist der Abgrund vor uns.

Nur Vögel und der Wind stürzen hinein.

Ich weiß, dass Vögel ihr Leben lang an ihre Flügel gefesselt sind.

Und der Wind – er ist eine gewaltige, durchsichtige Schräge.

Ich kenne die Nacht. Alle Wege dieser Welt führen zu ihr.

Wer aufbricht und geht, merkt: Irgendwann ist es einfach dunkel geworden.

Aber ……

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